14.05.2007:
Abschiedsrede von Regierungsrat Dr. Ruedi Jeker im Kantonsrat
(Es gilt das gesprochene Wort)
Herr Kantonsratspräsident
Sehr geehrte Damen und Herren Kantonsräte
Liebe Regierungskolleginnen
und -kollegen
Sehr geehrte Medienvertreterinnen und -vertreter
Meine Damen und Herren
Vorab möchte ich Ihnen, Herr Kantonsratspräsident, herzlich
für Ihre anerkennenden Worte und die Überreichung des
silbernen Löwen danken. Ich benutze die Gelegenheit aber auch gern,
um den Dank zu erweitern an Anwesende und Abwesende, die mich während
meiner politischen Tätigkeit begleitet und unterstützt haben:
meine Frau Margrit und meine Töchter Simone und Marion, Freunde
und Kollegen, Politikerinnen und Politiker – aus meiner und anderen
Parteien –, aber auch meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in zwei
Direktionen.
Ich werde heute wohl zum letzten Mal in diesem Haus und vor diesem Gremium
sprechen. Einem Haus, das während zwanzig Jahren einen festen Platz
in meinem Leben einnahm; während zwölf Jahren, von 1987 – 1999
als Kantonsrat und seither als Mitglied der Zürcher Regierung. Das
ist fast ein Drittel meines bisherigen Lebens und rückblickend
ist es enorm, was sich in dieser Zeitspanne weltweit verändert hat.
Ich erwähne beispielhaft den Zusammenbruch des kommunistischen
Systems, den Fall der Berliner Mauer und das Ende des Kalten Krieges;
das Verschwinden von Mark, Franc, Lire und Schilling in unseren Nachbarländern
und die Einführung des Euro als Ausdruck eines wirtschaftlich immer
stärker geeinten Europa; das Entstehen und vor allem die rasante
Verbreitung neuer Informationstechnologien, wozu ich nur das Stichwort «Internet» nenne;
und schliesslich: die immer rasantere globale Verflechtung der Wirtschaft.
So vieles verbindet mich mit diesem Haus, dass sich mit der Freude über
die neue Freiheit durchaus auch eine gewisse Wehmut verbindet. Ich kann
Ihnen indessen versichern, dass mir Pläne, auf irgendeiner Seniorenliste
zurückzukehren, fern liegen.
Der Zeitpunkt für meinen Rücktritt fällt so, dass er
mir die Möglichkeit gibt, beruflich noch einmal etwas Neues
anzupacken. Denn obwohl ich in den letzten acht Jahren als Regierungsrat
die Politik zu meinem Beruf gemacht habe, stand für mich immer das
milizmässige Engagement im Vordergrund. Milizmässig habe ich
dem Vorstand des kantonalen Gewerbeverbandes angehört, milizmässig
wurde ich Militärpilot und Regimentskommandant, milizmässig
war ich natürlich Mitglied dieses Parlaments. Bewusst habe ich mir
die berufliche Selbstständigkeit geschaffen, die dieses milizmässige
Engagement ermöglichte. Ich bin überzeugt, dass unser Staat
und unsere Gesellschaft auch in Zukunft auf milizmässiges Engagement
angewiesen sein werden. Es gehört nach meiner Überzeugung zu
unserer Aufgabe als Politikerinnen und Politiker, unsere Bürgerinnen
und Bürger zu solchem Engagement zu ermuntern und Rahmenbedingungen
zu schaffen, die es ermöglichen. Davon lebt unsere direkte Demokratie.
Ich werde keinen Rückblick auf zwanzig Jahre Politik in diesem
Hause halten. Vielmehr möchte ich ein letztes Mal drei politische
Anliegen erneuern, die für mich während meiner ganzen politischen
Tätigkeit von zentraler Bedeutung waren. Und ich wiederhole sie,
weil ich überzeugt bin, dass diese Anliegen auch für die Zukunft
ihre Gültigkeit behalten:
Da war als Erstes das Anliegen, Lösungen zu
realisieren. Man hat mir in den Medien einmal vorgehalten, ich sei
mehr Ingenieur als Politiker. Ich gestehe Ihnen hier, dass ich
das als Kompliment aufgefasst habe. Denn als Ingenieur habe ich gelernt,
Probleme zu lösen.
Und in meinen Augen hat die Politik keine andere Aufgabe. Eine Politik,
die nur Zeichen setzt und flotte Sprüche macht, erfüllt ihre
Aufgabe nicht. Unsere vielfältige Medienlandschaft mit Schreckensmeldungen
und -bildern in Echtzeit aus aller Welt schafft in unserer Bevölkerung
zunehmend ein Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins. Das
ist keine Medienschelte, sondern ganz einfach eine Darstellung der
Realität. Gerade wegen dieser Realität erwartet unsere Bevölkerung,
dass die Politik Lösungen für anstehende Probleme liefert
und vor allem den Willen mitbringt, nach Lösungen zu suchen.
Nach Lösungen zu suchen beginnt damit, dass wir uns der staatlichen Kernaufgaben
bewusst sind und uns nicht in Details verlieren. Ich habe leider nur
zu oft erlebt, dass die im Militär gepflegte Lagebeurteilung mit
der berühmten Frage «de quoi s’agit-il» als zwingender
Ausgangspunkt des Entscheidungsprozesses bei politischen Überlegungen
fehlte. Wie wollen wir Ziele erreichen, wenn wir uns nicht einmal über
das Startfeld im Klaren sind?
Die Suche nach Lösungen bedeutete für mich immer auch die
Suche nach tragfähigen Lösungen. Dabei verstehe ich tragfähig
so, dass Lösungen von möglichst Vielen mitgetragen werden und
Minderheiten nicht einfach von einer Mehrheit erdrückt werden. Und
in unserem Kanton bedeutet das vor allem, dass kantonale Lösungen
zwingend von den Gemeinden mitgetragen werden müssen.
Lösungen schliesslich sind für mich Resultate, die zur
rechten Zeit kommen. Ich stellte in der Politik (und in der Verwaltung) zu oft
ein Bestreben nach sogenannten «perfekten Lösungen» fest.
Und nicht selten ging dabei das Verständnis für die Rechtzeitigkeit
verloren. Eine brauchbare Lösung zur rechten Zeit ist eine Lösung;
eine perfekte Lösung, die zu spät kommt, ist keine Lösung!
Damit komme ich zum Zweiten: Zum Respekt. Die 68-Unruhen, die in die Zeit
meines eigenen Studiums fielen, haben an Autoritäten
gerüttelt und vielerorts starre Hierarchien aufgeweicht. Ich wünsche
mir keine Rückkehr zur Zeit vor 68. Aber ich wünsche mir
eine Gesellschaft (und eine Politik), die wieder von mehr Respekt geprägt
ist. Respekt vor dem Gegenüber und vor Andersdenkenden, Respekt
vor fremdem Eigentum und auch Respekt vor sich selbst. Ist dieser fehlende
Respekt nicht letztlich der Grund für Probleme an Schulen,
die uns derzeit beschäftigen; sind die Ausschreitungen am diesjährigen
1. Mai nicht genau diesem mangelnden Respekt Anderen und fremdem Eigentum
gegenüber zuzuschreiben? Ich kann Ihnen hier natürlich keine
Patentlösung präsentieren. Doch überzeugt bin ich, dass
der Politik eine Vorbildwirkung zukommt. Es gibt keine Politik ohne
Auseinandersetzung. Aber immer war es mein Anliegen, diese Auseinandersetzung
mit dem politischen Gegenüber mit Respekt zu führen.
Die
Polarisierung in unserer politischen Landschaft hat den Respekt in
der Auseinandersetzung leider nicht begünstigt. Umso mehr wünsche
ich mir, dass die Politik zu mehr Respekt zurückfindet. Ich bin überzeugt,
dass die Politik auf dem Holzweg ist, wenn sie der medialen Aufmerksamkeit
zuliebe Gezänk mit sachlicher Auseinandersetzung verwechselt. Und
ich bin überzeugt, dass sich Politikerinnen und Politiker einen
Bärendienst erweisen, wenn sie sich als «Politclowns» öffentlich
zur Schau stellen. Und vielleicht liegt gerade hier sogar eine – wenn
auch sicher nicht die einzige – Erklärung für die tiefe
Wahlbeteiligung: Um Streithähne zu nominieren, braucht es tatsächlich
keinen Gang zur Urne! Die Wahl gewinnt dann an Bedeutung, wenn unseren
Bürgerinnen und Bürgern klar ist, dass die Gewählten
seriöse Arbeit leisten. Und letztlich, meine Damen und Herren, Qualität
setzt sich immer durch – auch in der Politik!
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Und damit bin ich
beim Dritten, das ich unter das Stichwort Weltoffenheit stellen will. Bei meiner Wahl in den Regierungsrat im Jahre 1999
habe ich es als eines meiner Ziele bezeichnet, «die Uhren der
Verwaltung auf die Uhren der Wirtschaft umzustellen». Sicher
habe ich dabei nicht die blosse Gewinnmaximierung vor Augen gehabt.
Aus meiner liberalen Sicht ist wirtschaftliche Freiheit – wie
jede Freiheit – immer mit sozialer Verantwortung verknüpft.
Doch was die Wirtschaft der Politik voraus hat, ist der Umstand, dass
sie sich der wahren Konkurrenz bewusst ist. Eine Konkurrenz, die aus
Milliarden qualifizierter – auch hoch qualifizierter – Arbeitskräfte
vor allem im Fernen Osten besteht. Unsere Schweizer Wirtschaft hat in
den letzten Jahren unter Beweis gestellt, dass sie dieser Konkurrenz
gewachsen ist. Aber zu oft habe ich den Eindruck, dass Politik (und Verwaltung)
die internationale Entwicklung noch nicht voll wahrgenommen haben. Getreu
dem Motto «zwar früh aufstehen, aber spät erwachen» werden
da noch Gärtchen gepflegt, als gäbe es nur eine Binnenwirtschaft
und dichte Grenzen. Sicher, mit Verwaltungs-, Regierungs- und Parlamentsreform
wurde vieles erreicht. Und ich durfte in der Verwaltung mit Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern zusammenarbeiten, die die Zeichen der Zeit sehr wohl
erkannt haben. Die Richtung stimmt – aber das Tempo muss noch beschleunigt
werden.
Vor zwanzig Jahren hat sich mein Parteikollege Regierungsrat Albert
Siegrist in diesem Saal mit dem Satz verabschiedet: «Dass es Ihnen
gelingen möge, dieses Heute erträglich zu gestalten, das wünsche
ich Ihnen». Dem habe ich nur Eines beizufügen: «Möge
es Ihnen vor allem auch gelingen, das Morgen erträglich zu gestalten».
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